Verletzungen im Teamsport: Meine Story (Teil 1)

Lesezeit: 6 Minuten.

Regelmässige Leser meines Blogs haben wahrscheinlich eines bemerkt: Wenn ich von Technik und Training rede, spreche ich auch von Sicherheit. Das hat viele Gründe, und einer davon ist meine persönliche Erfahrung mit Verletzungen. Diese Geschichte möchte ich in den nächsten zwei Posts erzählen.

Das Ziel dieser Posts

Das soll jetzt keine traurige Story werden (ist es auch nicht). Sie hat mich dorthin gebracht, wo ich heute bin, und damit bin ich sehr glücklich. Viele Sportler erleben früher oder später eine ähnliche Situation, und vielleicht kann ich hiermit jemandem helfen, dass er nicht dieselben Fehler macht wie ich. Ich will natürlich niemanden verschrecken, und schon gar nicht will ich irgendjemandem Schuld in die Schuhe schieben.

Cheerleading, wenn man den Sport richtig macht, ist nicht gefährlicher als andere Sportarten. Trotzdem möchte ich ein paar Punkte beleuchten, die ich in der Cheer-Welt problematisch finde, wenn es um Verletzungen geht. Das ist mein persönlicher Standpunkt, nicht die absolute Wahrheit. Schlussendlich trifft jeder seine eigenen Entscheidungen, so wie ich meine getroffen habe, aber vielleicht können wir durch solche Geschichten den Dialog untereinander und die Sicherheit im Training verbessern.

Was passiert ist

Mit 15 Jahren hatte ich einen Unfall. Ich war Base in einer ganz einfachen Pyramide, und hinter mir ging etwas schief. Als mein eigener Flyer gerade mitten im Cradle war liefen von hinten Leute in mich hinein, sodass ich unter meinen Flyer geschubst wurde, der mir dann prompt auf den Kopf fiel. Da war niemand dran Schuld, wie wir alle wissen passiert sowas halt ab und zu. Es war auch nicht sehr dramatisch.

Mein Nacken hat mir danach ziemlich weh getan, also sass ich ein paar Minuten raus. Dann habe ich weiter trainiert – wie man das halt so macht, oder? Wir waren mitten in der Saison, und ich bin ein unglaublich sturer Mensch. Auf keinen Fall würde ich mich wegen sowas aus dem Team nehmen lassen, oder auch nur ein Training verpassen. Das war mein erstes Jahr als Senior, und ich wollte mich beweisen.

Über die nächsten paar Tage wurden die Schmerzen stärker (wobei mir rückblickend alle Alarmglocken losgehen, aber ich hatte ja keine Ahnung damals mit 15). Es kam so weit, dass ich in der Schule hinten am Boden lag während den Stunden, weil ich nicht den ganzen Tag sitzen konnte. Also ging ich zum Arzt. Nachdem ich ihm alles erzählt hatte meinte er, ohne mich zu untersuchen, dass so eine Nackenstauchung schon bis zu einem Jahr wehtun könnte. Falls es dann noch nicht besser sei, soll ich nochmal vorbeikommen. Mehr könne er nicht machen. Ich fragte ihn, ob ich weiter trainieren darf, und er sagte ich solle machen, was ich aushalte, mit ein wenig Vorsicht.

Was er natürlich nicht wusste war, dass ich beim Beschreiben meiner Schmerzen ein bisschen untertrieben hatte, und dass „was ich aushalte“ für mich heisst „was mich nicht sofort umbringt“. Das „mit ein wenig Vorsicht“ habe ich auch sofort aus dem Gedächtnis gelöscht. Ich ging zurück ins Training, sagte meinen Coaches, dass ich trainieren darf, und versuchte meine Schmerzen zu verschweigen. Wer hätte das gedacht: Es wurde stetig schlechter.

Ein Jahr später waren die Schmerzen nicht besser, also ging ich nochmal zum Arzt. Zu einem anderen, diesmal. Der meldete mich sofort zum Röntgen und zum MRI an und meinte, das sei schon fast fahrlässig, diese Verletzung nicht sofort zu untersuchen. An die genauen Details seines Befundes erinnere ich mich nicht, aber ungefähr zeigte sich: Mehrere Nackenwirbel sahen aus, als wären sie damals gebrochen. Zum Glück keiner davon instabil, weshalb auch nichts schlimmeres passiert ist. Sie seien aber nicht so schön verwachsen, und zwischen den Wirbeln gab es erste Anzeichen von Arthrose. Es war schwer zu sagen, was davon der Unfall verursacht hat und was vielleicht eine genetische Veranlagung war, aber der Schlag hatte sicher nicht geholfen.

Da ich ein Jahr lang nicht behandelt wurde, hatten sich die Strukturen um meine Wirbel herum völlig verkrampft. Ich hatte eine permanente Schonhaltung eingenommen und den Kopf die ganze Zeit über nie mehr wirklich gedreht, was auch nicht so gesund ist. Mein Arzt und meine Physiotherapeutin rieten mir, mit dem Cheerleading aufzuhören. Die Belastung sei schlecht für den Heilungsprozess, das Risiko einer erneuten Verletzung zu gross.

Dummerweise war aufhören nie eine Option für mich. Mein Team ist für mich wie eine zweite Familie, und Cheerleading war schon damals viel mehr als nur ein Hobby in meinem Leben. Ich hatte dieses Gefühl von „Unfinished Business“ – ich war noch nicht fertig. Wenn ich aufhöre, dann zu meinen Bedingungen. Also verbrachte ich die folgenden 3 Jahre damit, mich auf meine Heilung und auf meine Tätigkeit als Coach zu konzentrieren.

Pausieren wir die Geschichte hier mal und diskutieren, was passiert ist.

Der medizinische Teil

Wie schon erwähnt war der Unfall selber gar nicht so dramatisch, auch wenn es vielleicht so klingt. Kinder brechen sich ständig einen Arm oder ein Bein, das passiert halt, auch ausserhalb vom Sport. Die Reaktion meines Arztes war, unter anderem, der gefährliche Faktor in der Geschichte.

Ich wurde gerade mal 15 Jahre alt – ich hatte keine Ahnung. Wenn mir ein Arzt sagte, das kommt schon wieder von alleine, dann glaubte ich das. Ich habe mir gar nicht überlegt, dass der Hausarzt vielleicht nicht der Beste ist, um diese Situation einzuschätzen. Ich denke immer noch, dass es fahrlässig war, mich gar nicht erst zu untersuchen. Aber ich kann mittlerweile auch nachvollziehen, wie so etwas passieren kann: Der Hausarzt behandelt normalerweise Kinder mit Schnupfen oder ältere Leute mit Gichtproblemen. Eine junge Sportlerin, die schon an die Grenzen ihrer Schmerztoleranz gekommen ist, bevor sie überhaupt beim Arzt auftaucht, ist nicht die Norm.

Mein Rat: Wenn du eine ernste Verletzung hast, geh zum Spezialisten. Verlange, untersucht zu werden. Wenn dein Arzt deinen geschwollenen Fuss anschaut und dir sagt, dass wahrscheinlich das Band XYZ angezerrt ist – woher soll er das wissen? Er hat keinen Röntgenblick. Er stellt eine Vermutung an basierend auf seiner Beobachtung, das ist aber keine definitive Diagnose. Meist liegt er damit richtig, und oft ist die Behandlung im ersten Moment halt nur warten. Ein geschwollener Fuss lässt sich meines Wissens schlecht röntgen.

Wenn dir aber das Knie schon seit 2 Monaten weh tut, und dein Arzt bietet dir immer noch kein MRI an, dann verlange eins. Du bezahlst Versicherung. Nur, weil Bildgebung teuer ist, heisst das nicht, dass du sie nicht kriegen kannst. Hol eine Zweitmeinung ein, wenn du glaubst, dass dich dein Arzt nicht ernst nimmt. Das ist dein Körper, und nur du weisst, wie er sich anfühlt. Du hast ein Recht auf Behandlung.

Versteh mich bitte nicht falsch, solche Situationen entstehen sicher nicht mit jedem Hausarzt, und es gibt viele Gute (wie mein jetziger). Aber Spezialisten gibt es aus gutem Grund. Ein Hausarzt hat eine grossartige Ausbildung, aber nicht, wenn es um Sportverletzungen und Rehabilitation geht. Er versteht oft auch nicht, dass „das einfach nicht mehr machen“ keine gültige Behandlungsmethode für einen Sportler ist.

Fortsetzung folgt…

Ich habe zu dem Thema noch viel zu sagen, aber der Post wird langsam zu lang. Nächste Woche erzähle ich bestimmt noch das Happy End meiner persönlichen Unfallgeschichte, und ich möchte auch noch über die mentalen Aspekte reden, die in der ganzen Story eine Rolle gespielt haben. Bis dann!

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